Future Proof Tech Briefing · Juli 2026
RAMmageddon Teil 8: Die Krise ist im Rechnungseingang angekommen
Am 1. Juli hat IBM die Preise angepasst. FlashSystem: plus 40 Prozent. Power-Server: plus 17 Prozent. Kein Gerücht, keine Analystenprognose – eine offizielle Preisliste eines der größten Enterprise-Anbieter der Welt.
Damit ist ein Punkt erreicht, vor dem ich seit November warne: Die Speicherkrise ist keine Beschaffungsfrage mehr, die man an den Einkauf delegieren kann. Sie steht jetzt schwarz auf weiß im Rechnungseingang. Und wer bis hierhin gewartet hat, zahlt den Preis von heute für die Architektur von gestern.
In den letzten Wochen habe ich in drei Beiträgen einzelne Facetten beleuchtet: die sechsstellige Lizenzrechnung, die niemand nachrechnet. Warum moderne Software sich selbst schützt – und ältere nicht. Und was passiert, wenn RAMmageddon auf Vibe Coding trifft. Heute ziehe ich die Fäden zusammen. Denn die drei Themen sind keine Einzelbeobachtungen. Sie sind dieselbe Geschichte, aus drei Blickwinkeln erzählt.
Das Marktupdate: Es wird nicht besser. Es wird strukturell.
Wer gehofft hat, dass sich die Lage über den Sommer entspannt, den muss ich enttäuschen. Die aktuellen Zahlen zeichnen ein klares Bild:
TrendForce hat für das zweite Quartal 2026 einen Anstieg der DRAM-Vertragspreise um 58 bis 63 Prozent ermittelt – in einem einzigen Quartal. Zur Erinnerung: Als ich im Februar über plus 172 Prozent seit Krisenbeginn geschrieben habe, hielten das manche für Panikmache. Inzwischen liegen DDR5-Kits im deutschen Einzelhandel über 300 Prozent über dem Niveau vom Juli 2025, populäre Gaming-Kits teilweise über 400 Prozent.
Und die Krise frisst sich durch die Generationen nach unten. Weil DDR5 unbezahlbar und DDR4 knapp ist, weichen OEMs auf DDR3 aus – und einzelne sogar auf DDR2. Eine Speichertechnologie aus dem Jahr 2003. Die Vertragspreise für DDR2 sind im zweiten Quartal um 55 bis 60 Prozent gestiegen, für das dritte Quartal werden weitere 35 bis 40 Prozent erwartet.
Lasst das kurz wirken: Die Industrie designt 2026 Produkte zurück auf Speicherstandards von vor zwanzig Jahren, weil die strategische Vorwärtsplanung gefehlt hat. Das ist keine Anekdote. Das ist ein Symptom.
Die strukturelle Verschiebung dahinter hat HP kürzlich beziffert: Speicher macht inzwischen 35 Prozent der PC-Herstellungskosten aus – historisch waren es 15 bis 18 Prozent. Der Kostenanteil einer einzigen Komponente hat sich verdoppelt. Und das Ende ist nicht in Sicht: AMD hat auf der Computex eine Normalisierung erst für 2028 in Aussicht gestellt. Mit spürbaren Preissenkungen rechnen Marktbeobachter frühestens ab Mitte 2027.
Und jetzt ist auch das private Portemonnaie dran
Bisher konnte man die Speicherkrise als Rechenzentrums-Thema abtun. Das geht nicht mehr. Sie ist im Elektronikmarkt angekommen – und damit bei jedem von uns.
Apple hat am 25. Juni die Preise für fast das gesamte Sortiment angehoben – Macs, iPads, Apple TV, HomePod. Das MacBook Pro 16 Zoll wurde 400 Euro teurer und kostet jetzt 3.399 Euro, das 14-Zoll-Modell stieg um 300 Euro, das MacBook Air um 200 Euro. Selbst RAM-Upgrades im Konfigurator kosten jetzt mehr pro Stufe. Tim Cook hatte die Runde zuvor im Wall Street Journal angekündigt und die Lage mit einer Jahrhundertflut verglichen, wie er sie in vier Jahrzehnten nicht erlebt habe. Apple selbst spricht von einer nie dagewesenen Geschwindigkeit der Komponentenverteuerung. Wenige Stunden später kündigte Microsoft höhere Xbox-Preise an, chinesische Smartphone-Hersteller wie Xiaomi und OPPO hatten bereits im Frühjahr nachgezogen.
Man muss sich das vergegenwärtigen: Wenn selbst Apple – mit seiner Einkaufsmacht und langfristigen Lieferverträgen – die Speicherkosten nicht mehr abfedern kann, hat der Rest der Branche keine Chance. Beim Smartphone wird die Dimension greifbar: Nothing-CEO Carl Pei beziffert den RAM-Anteil an den Herstellungskosten eines Smartphones inzwischen auf über 50 Prozent. Mehr als die Hälfte des Geräts, das ihr in der Hand haltet, ist Speicherpreis.
IDC erwartet bis Jahresende Preissteigerungen von 10 bis 20 Prozent bei Smartphones, PCs und Tablets – während die PC-Verkäufe bereits um über 11 Prozent eingebrochen sind. Wer im DIY-Markt einen Rechner bauen will, zahlt für ein 32-GB-DDR5-Kit derzeit 440 bis 460 Euro. Vor einem Jahr gab es dafür fast den ganzen PC.
Warum ich das in einer Enterprise-Serie erwähne? Aus zwei Gründen. Erstens: Wenn ihr die Krise beim privaten Smartphone-Kauf spürt, spürt euer Unternehmen sie zeitgleich bei der gesamten Client-Flotte – Laptops, Tablets, Diensthandys. Die Endgeräte-Refresh-Zyklen gehören genauso auf den Prüfstand wie das Rechenzentrum. Und zweitens: Ein Thema, das jeder im eigenen Geldbeutel fühlt, braucht im Management keine Überzeugungsarbeit mehr. Nutzt dieses Fenster. Der CFO, der gerade 400 Euro mehr für sein MacBook bezahlt hat, versteht euren Modernisierungs-Business-Case schneller als je zuvor.
Das Paradox an der Börse – und was es für euch bedeutet
Ende Juni ist etwas Bemerkenswertes passiert: Trotz Rekordnachfrage haben die Aktien von SK Hynix und Samsung an einem Tag über zehn Prozent verloren, Kioxia sogar 14 Prozent. Investoren beginnen zu fragen, ob der KI-getriebene Boom nachhaltig ist.
Für IT-Entscheider ergibt sich daraus eine unbequeme Doppellage: Die Knappheit ist real und wird noch Jahre anhalten – aber ob die dahinterliegende KI-Investitionswelle in dieser Form trägt, ist offen. Wer jetzt sein Budget in überteuerte Hardware steckt, wettet gleich zweimal falsch: Er kauft am Preishöhepunkt und bindet Kapital, das er für die eigentliche Transformation braucht.
Die einzige Position, die in beiden Szenarien gewinnt, ist Effizienz. Wenn die Preise hoch bleiben, gewinnt, wer weniger Hardware braucht. Wenn die Blase korrigiert, gewinnt, wer nicht am Höhepunkt gekauft hat. Effizienz ist die einzige Wette ohne Downside.
Drei Fäden, eine Geschichte
Und damit zu den drei Beiträgen der letzten Wochen – denn genau hier laufen sie zusammen.
Faden 1: Die Lizenzrechnung. Hardware ist nur die halbe Kostenwahrheit. Wer seine Infrastruktur nach Sockeln, Kernen oder RAM lizenziert – und das tun die meisten –, zahlt die Speicherkrise doppelt: einmal beim Blech, einmal beim Softwarevertrag. Die sechsstellige Lizenzrechnung, über die ich geschrieben habe, entsteht nicht durch böse Anbieter. Sie entsteht durch Architekturen, die niemand mehr hinterfragt. Right-Sizing ist kein Hardware-Thema. Es ist zuerst ein Lizenz-Thema.
Faden 2: Moderne Software schützt sich selbst. Effizienz ist kein Feature, das man nachkauft. Sie ist eine Architektureigenschaft. Eine cloud-native Anwendung, die horizontal skaliert, Ressourcen dynamisch anfordert und wieder freigibt, ist strukturell resilient gegen Preisschocks – sie braucht schlicht weniger Reserve. Ein monolithisches System, das für die Lastspitze des Jahres dimensioniert wurde, verbrennt 340 Tage im Jahr Kapital. Bei den RAM-Preisen von 2024 war das ärgerlich. Bei den Preisen von 2026 ist es fahrlässig.
Faden 3: Vibe Coding. Das klassische Gegenargument gegen Modernisierung lautete immer: zu teuer, zu langsam, zu riskant. Dieses Argument erodiert gerade. KI-gestützte Entwicklung verschiebt die Aufwandskurve massiv – nicht, weil die KI den Senior-Entwickler ersetzt, sondern weil sie ihn vom Boilerplate befreit und Prototypen in Tagen statt Monaten möglich macht. Die Modernisierung, die 2023 ein Zwei-Jahres-Projekt war, ist 2026 ein Zwei-Quartals-Projekt. Der Preis der Untätigkeit steigt. Der Preis des Handelns sinkt. Diese Schere war noch nie so weit offen.
Die Formel, erweitert
Meine Empfehlung aus Teil 1 gilt unverändert – aber sie hat inzwischen zwei neue Glieder:
Erstens: Support verlängern statt panisch neu kaufen. Jeder Monat, den bestehende Hardware sauber weiterläuft, ist ein Monat, den ihr nicht zu Höchstpreisen einkaufen müsst.
Zweitens: Lizenzen nachrechnen, bevor Hardware bestellt wird. Wer seine Kern- und RAM-basierten Verträge kennt, entdeckt oft Einsparpotenziale, die eine komplette Hardware-Generation finanzieren.
Drittens: Architektur überdenken, bevor Kapazität nachgekauft wird. Die Frage ist nicht “Wie viel RAM brauchen wir?”, sondern “Warum braucht diese Anwendung so viel RAM?”.
Viertens: Modernisierung mit KI-Unterstützung pilotieren. Nicht als Big Bang, sondern als POC an der Anwendung mit dem größten Ressourcenhunger. Die Werkzeuge sind da, die Aufwände sind kalkulierbar geworden.
Fünftens: Gezielt bestellen – dann, wenn Architektur und Lizenzmodell geklärt sind. Nicht vorher.
Was das für den Mittelstand bedeutet
Ich rede viel mit IT-Verantwortlichen im DACH-Mittelstand, und das Muster ist fast immer dasselbe: Die Hardware-Preiserhöhung landet auf dem Tisch, der Reflex ist eine Budgeterhöhung oder ein Beschaffungsstopp. Beides sind Symptombehandlungen.
Die Unternehmen, die gut durch diese Krise kommen, machen etwas anderes: Sie nutzen den Preisschock als Anlass für die Architekturfrage, die sie ohnehin hätten stellen müssen. Die Speicherkrise ist – so zynisch das klingt – der beste Business Case für Modernisierung, den es je gab. Der ROI einer Effizienzmaßnahme hat sich mit den Preisen vervierfacht.
Genau das ist unser Ansatz bei CID: Wir starten nicht bei der Bestellliste, sondern bei der Architektur. Assessment, POC, dann gezielte Investition – in der Reihenfolge. Unsere eigenen Kapazitäten dafür stehen, weil wir früh bestellt haben. Das ist kein Zufall, das war Teil 1 dieser Serie.
Ausblick
Im September kommen die Q3-Zahlen – inklusive der erwarteten nächsten DDR2- und DDR4-Preisrunde und der ersten Bilanz, wie die IBM-Preiserhöhung im Markt verdaut wurde. Dann gibt es Teil 9.
Bis dahin interessiert mich eure Realität: Ist die Preiserhöhung bei euch schon im Rechnungseingang angekommen – und was war die Reaktion? Budget erhöht, Beschaffung gestoppt, oder Architektur auf den Tisch? Schreibt mir auf LinkedIn, dort läuft die Diskussion zur Serie.