Future Proof Tech Briefing · August 2026
RAMmageddon, Teil 10: Das Spice ist verteilt
Ein Wüstenplanet, ein Destillanzug und die Frage, wessen Wasteland dich am Ende einholt.
1965
Frank Herbert baut in „Der Wüstenplanet” eine Ökonomie um eine einzige Substanz. Das Spice lässt sich nicht herstellen, nur ernten. Es kommt von einem einzigen Planeten. Und wer es kontrolliert, kontrolliert alles, was darauf aufbaut – Raumfahrt, Handel, Politik.
Das Interessante an Herberts Konstruktion ist nicht die Knappheit. Es ist die Zuteilung. Nicht der Preis regelt, wer Spice bekommt, sondern die Raumfahrergilde und ihre Verträge. Wer nicht in der Zuteilung steht, kann so viel Geld haben, wie er will – er fliegt nicht.
2027
Im Juli und August werden traditionell die Speicherkontingente für das Folgejahr verhandelt. Dieses Jahr waren die Verhandlungen ungewöhnlich früh vorbei. Nach einem DigiTimes-Bericht, der sich auf Branchenkreise beruft, haben die drei großen Hersteller ihre DRAM- und HBM-Kapazitäten für 2027 bereits vollständig vergeben. Eine Bestätigung der Hersteller gibt es nicht, und so sollte man die Meldung auch lesen. Aber sie passt in ein Bild, das sich seit Monaten nicht mehr bewegt.
Bemerkenswert ist die Form. Langfristverträge über drei bis fünf Jahre. Vorauszahlungen selbst dort, wo kein Langfristvertrag zustande kommt. Und Zuteilungsquoten, die dem Bericht zufolge häufig bei 60 bis 70 Prozent des angefragten Volumens liegen.
In Teil 9 lag der Monolith als Preisschild auf deinem Küchentisch. Das war die sichtbare Phase. Jetzt kommt die unsichtbare: Preise verhandelt man noch. Zuteilung bekommt man.
Ich nenne das die Zuteilungsökonomie. Der Punkt, an dem Beschaffung aufhört, eine kaufmännische Disziplin zu sein, und anfängt, eine architektonische zu werden. Denn gegen eine Quote hilft kein besserer Einkäufer. Gegen eine Quote hilft nur, weniger zu brauchen.
Die Gilde
Wer zuerst bedient wird, ist bekannt: Cloud-Anbieter und große KI-Unternehmen. Danach der Rest. Für PC- und Smartphone-Hersteller soll 2027 spürbar weniger übrig bleiben als 2026 – und in derselben Schlange steht der Mittelständler, der eigene Hardware beschaffen will.
Damit kippt eine Logik, die zwanzig Jahre lang galt. Eigene Infrastruktur war die kalkulierbare Option: einmal investieren, abschreiben, planen. Die Cloud war flexibel, aber laufend teuer. Diese Rechnung sieht anders aus, wenn eigene Hardware nicht nur teurer, sondern unsicher verfügbar wird. Ein Angebot mit Preis ist etwas anderes als ein Angebot mit Liefertermin.
Und die Hyperscaler sitzen auf der richtigen Seite der Zuteilung. Sie kaufen früher und in Volumina, gegen die kein Systemhaus antritt. Wer 2027 Kapazität braucht, bekommt sie dort mit höherer Wahrscheinlichkeit – zu Konditionen, die dann ebenfalls die Knappheit abbilden werden. Die Gilde fliegt. Sie fliegt nur nicht umsonst.
Die falsche Frage
An dieser Stelle wird die Diskussion in vielen Häusern falsch geführt. Sie wird als Richtungsentscheidung geführt: Private Cloud oder Hyperscaler. On premises oder Public. Als müsste man sich jetzt festlegen.
Muss man nicht. Man muss sich darauf vorbereiten, sich später festlegen zu können.
Niemand weiß heute belastbar, wie die Kapazitätslage 2028 aussieht. Die Fabriken, die entlasten sollen, werden noch gebaut. Wer sich heute unwiderruflich in eine Richtung bewegt, wettet auf ein Szenario. Wer sich die Entscheidung offenhält, behält Handlungsfähigkeit – und die ist unter Knappheit das eigentlich knappe Gut.
Die Frage lautet also nicht: Wohin gehen wir? Sondern: Sind wir 2027 noch in der Lage, das selbst zu entscheiden – oder entscheidet die Verfügbarkeit für uns?
Der Destillanzug
Herberts Fremen haben auf Arrakis nicht überlebt, weil sie mehr Wasser hatten. Sie haben überlebt, weil sie den Destillanzug erfunden haben: einen Anzug, der jeden Tropfen Feuchtigkeit zurückgewinnt, den der Körper abgibt. Verlust pro Tag: ein Fingerhut.
Das ist die Antwort auf eine Zuteilungsökonomie. Nicht mehr bekommen. Weniger verlieren.
Und hier liegt der Unterschied zwischen Arrakis und dem, worüber wir hier reden. Herberts Wüste war vorgefunden. Sie lag da, bevor der erste Mensch den Planeten betrat. Das Wasteland, das dich betrifft, ist selbstgemacht.
Es ist über Jahre gewachsen, weil Speicher billig war. Solange Wasser nichts kostet, baut niemand einen Destillanzug. Überdimensionierte Systeme mit statisch zugewiesenem Speicher, weil nie jemand nachgemessen hat. Monolithen, die im Ganzen skaliert werden müssen, obwohl nur ein Teil unter Last steht. Dieselben Daten in dreifacher Ausfertigung, weil drei Systeme ihre eigene Kopie pflegen. Anwendungen, die seit acht Jahren laufen, weil niemand sie abschalten darf und niemand mehr weiß, wer sie eigentlich braucht.
Das ist das DigitalWasteland: nicht das Marktumfeld, sondern der Wildwuchs im eigenen Haus. Es entsteht nicht durch Entscheidungen, sondern durch deren Ausbleiben. Wer nichts tut, landet dort zwangsläufig – nicht weil etwas schiefgeht, sondern weil nichts aufgeräumt wird.
Bisher war das eine Frage der Hygiene. Jetzt ist es eine der Beschaffung. Jedes Gigabyte, das eine Anwendung nicht braucht, muss weder zugeteilt noch gemietet werden. In einem Markt mit stabilen Preisen war Effizienz eine Optimierung. In einem Markt mit Zuteilung ist sie Strategie.
Und hier liegt der Punkt, der in der Modernisierungsdebatte der letzten Jahre unterging. Anwendungsmodernisierung wurde verkauft als Weg zu schnellerer Entwicklung, besserer Wartbarkeit, moderner Architektur. Alles richtig, alles schwer zu beziffern – weshalb solche Projekte in engen Budgets zuverlässig als Erstes gestrichen wurden.
Die Rechnung sieht anders aus, wenn Modernisierung den Ressourcenbedarf messbar senkt. Dann sind die Altlasten von eben keine architektonischen Schönheitsfehler mehr. Dann sind sie Positionen auf deiner Beschaffungsliste.
Wer 2027 in die Cloud geht, zahlt für den Footprint, den er mitbringt. Wer vorher aufräumt, geht mit einem kleineren hinein – und hat, falls er doch bleibt, weniger Hardware zu beschaffen, die es möglicherweise nicht gibt. Die Maßnahme zahlt in beide Richtungen. Das ist selten genug, um sie zu priorisieren.
Fünf Fragen
Der zweite Baustein ist die Entkopplung der Daten von der Plattform, auf der sie gerade liegen. Solange Storage-Eigenschaften an einem konkreten Array, einem konkreten Hypervisor oder einem konkreten Cloud-Dienst hängen, ist jede Verlagerung ein Projekt. Und Projekte dauern länger als Marktfenster. Wer im dritten Quartal 2027 merkt, dass er verlagern muss, wird im vierten nicht fertig sein.
Diese Schicht zieht man ein, bevor man sie braucht. Ob über eine kommerzielle Lösung, ein Open-Source-Projekt oder die Bordmittel der eigenen Plattform, ist die nachgelagerte Frage. Die vorgelagerte ist, woran du erkennst, dass sie taugt:
- Sind Snapshots über Standorte hinweg konsistent – über den Anwendungsverbund, nicht pro Volume?
- Lässt sich ein Backup auf einer anderen Infrastruktur einspielen als der, auf der es entstanden ist?
- Zieht die Anwendung mit den Daten um, ohne angepasst zu werden?
- Beschreibt der Workload seinen Bedarf, oder beschreibt die Hardware ihr Angebot?
- Wann wurde zuletzt auf einer fremden Plattform wiederhergestellt – nicht getestet, sondern durchgeführt?
Die letzte Frage ist die unbequemste, und sie ist die einzige, die zählt. Alle anderen lassen sich auf einer Folie beantworten.
Aus einer Position der Kontrolle
Der Markt hilft dir dabei übrigens nicht. Die führenden mittelständischen IT-Beratungen sind 2025 im Schnitt um 1,9 Prozent gewachsen, nach über zehn Prozent in den Jahren bis 2023. Die Ausnahmen liegen dort, wo Bestehendes effizienter wird: Data und KI, Cloud-Transformation, Sicherheit. Kein Zufall. In einem Markt ohne Wachstum wird nicht in Volumen investiert, sondern in Handlungsfähigkeit.
Herbert lässt seine Fremen nicht gewinnen, weil sie stärker sind. Sie gewinnen, weil sie als Einzige gelernt haben, mit dem auszukommen, was der Planet hergibt – und weil sie deshalb als Einzige noch Optionen haben, als es darauf ankommt.
Es sind zwei verschiedene Wüsten. Die Zuteilung entscheidet, wie viel Spice du bekommst; darauf hast du keinen Einfluss. Dein Wasteland entscheidet, wie weit es reicht; darauf hast du jeden.
Du kannst warten, bis die Zuteilung dich zwingt. Oder du planst jetzt – aus einer Position der Kontrolle heraus, nicht aus Druck.
Jens Klasen ist Tech Evangelist bei CID GmbH und schreibt in der RAMmageddon-Serie über die Speicherkrise 2026 und ihre Folgen für Enterprise-IT-Architektur. Alle bisherigen Teile findet ihr in meinem Newsletter und auf klasen.ai.