Future Proof Tech Briefing · August 2026
Die Zielgruppe bin ich
Warum ich mir meinen Fitness-Coach selbst gebaut habe — und was das mit dem Umbruch in unserer Branche zu tun hat.
Fünf Fitness-Apps. Oura für den Schlaf, Hevy fürs Krafttraining, Yazio für die Ernährung, Renpho für die Körperzusammensetzung, Apple Health als Sammelstelle. Jede einzelne davon ist gut. Und trotzdem hat mir keine wirklich getaugt.
Das Problem war nie die Qualität. Das Problem ist, dass jede dieser Apps für jemand anderen gebaut wurde — und jede eine eigene Meinung über mich hat. Oura hat ein Recovery-Modell, Hevy ein Progressionsmodell, Yazio ein Ernährungsmodell. Keines davon redet mit den anderen, und keines lässt sich mit meinem eigenen Modell verheiraten. Fünf Apps, fünf Silos, fünf fremde Annahmen darüber, was richtiges Training ist.
Früher hätte ich damit leben müssen. Software für eine Zielgruppe von einer Person hat sich nie gerechnet.
Genau diese Rechnung gilt nicht mehr.
Was ich gebaut habe
IDUN — benannt nach der nordischen Göttin, deren Äpfel die Götter jung halten — ist mein persönlicher AI-Coach für Training, Ernährung, Recovery und Longevity. Eine native iOS-App für iPhone und iPad, gebaut mit Claude Code, betrieben mit der Claude API von Anthropic.
Die App bündelt alle diese Datenquellen — inzwischen ergänzt um ein HILO-Armband, dessen kontinuierliche Blutdruckwerte ebenfalls einfließen — in einem Kontext und schickt ihn an Claude. Heraus kommt ein Coach, der morgens aus HRV, Ruhepuls, Schlaf und Trainingshistorie entscheidet, ob heute Vollgas, angepasstes Training oder Trainingsstopp angesagt ist. Der Trainingspläne baut und die Progression steuert. Der im Gym Mode am iPad Wiederholungen zählt — per Sprache, per Kamera-Pose-Analyse oder über zwei selbst gelötete ESP32-Sensoren an den Handschuhen, die auf die Namen Geri und Freki hören, Odins Wölfe.

Der Gym Mode auf dem iPad: Trainingspläne, Cardio-Programme — und unten links die beiden Sensoren Geri und Freki.
Niemand baut sowas als Produkt. Der Markt für exakt meine Kombination aus Zielen, Geräten und Überzeugungen hat die Größe eins. Genau deshalb konnte es diese App nie zu kaufen geben — und genau deshalb habe ich sie gebaut.
Und ein Punkt, der mir wichtiger ist als jedes Feature: Es gibt kein Backend. Alles läuft on-device. Meine Gesundheitsdaten verlassen das Gerät nur für den jeweiligen API-Call, der Abgleich zwischen iPhone und iPad läuft ausschließlich über meine private iCloud-Datenbank. Keine Nutzerdatenbank, kein Server, kein Konto bei einem Anbieter. Eigene Ideen, eigene Daten — bei mir ist das keine Marketingfloskel, sondern eine Architekturentscheidung.
Was das kostet — und warum die Rechnung anders geht
Jetzt wird es interessant, denn hier bricht das klassische Projektdenken zusammen.
Die Entwicklung läuft über mein Claude-Max-Abo, das ich ohnehin für mehrere Projekte nutze. Der IDUN-Anteil lässt sich nicht sauber herausrechnen, und das ist der Punkt: Die Erschaffung ist Flatrate. Eine zusätzliche Idee kostet mich kein zusätzliches Geld — nur die Zeit, sie zu formulieren und das Ergebnis zu beurteilen.
Was variabel bleibt, ist der Betrieb: aktuell rund 15 Euro im Monat an API-Kosten. Zum Vergleich, was ich für die Apps von der Stange bezahle oder bezahlt habe: Hevy Pro 60 Euro im Jahr, Yazio 7 Euro im Monat, MyFitCoach 120 Euro im Jahr, HealthFit 5 Euro im Monat — zusammen rund 27 Euro monatlich. Alle waren oder sind bei mir im Einsatz, und IDUN löst sie Stück für Stück ab.
Andere Werkzeuge bleiben bewusst — aber aufgewertet. Den Oura-Ring nutze ich weiter als Datenquelle, und mit Apple Fitness+ trainiere ich nach wie vor Kraft und Ausdauer. Nur liefert Fitness+ an Apple Health keine Übungsdetails — welche Übungen, welche Muskelgruppen, bleibt unsichtbar. IDUN schließt diese Lücke, analysiert die Einheiten tiefer und setzt gezielt ergänzende Trainings obendrauf. IDUN ist also keine Kampfansage an die Apps. Es ist die Instanz, die pro Werkzeug entscheidet: ersetzen oder veredeln.
Das Ergebnis dieser Rechnung muss man zweimal lesen: Der maßgeschneiderte Coach ist im Betrieb günstiger als die Standard-Abos, die er ersetzt. Und dabei vergleicht die Rechnung noch nicht einmal Gleiches mit Gleichem — denn was IDUN kann, gab es für kein Geld zu kaufen. Ich zahle weniger für mehr, und das “mehr” ist die Lücke, die der Markt strukturell nicht schließen kann.
Und selbst diese Betriebskosten optimieren sich inzwischen selbst: Mit dem letzten Claude-Code-Update und dem /doctor-Befehl gingen die API-Kosten von rund 20 auf rund 15 Euro im Monat zurück — ein Viertel weniger, an einem Abend. Die App hat ihre eigenen laufenden Kosten per Befehl reduziert. Da steckt noch mehr drin.
Die klassische Projektrechnung fragt: Was hat es gekostet, bis es fertig war? Diese Frage ergibt bei IDUN keinen Sinn, denn:
Diese App wird nie fertig. Und das ist der Punkt.
Ständig kommt etwas dazu, fliegt raus oder wird ersetzt. Die Roadmap vom Frühjahr ist komplett umgesetzt — und daneben liegen schon die nächsten Baustellen. Eine Idee beim Training am Morgen ist am Abend lauffähig auf dem iPad.
Klassische Software-Ökonomie setzt drei Dinge voraus: einen festen Scope, einen Fertigstellungstermin, eine Abschreibung über einen Lebenszyklus. Alle drei Annahmen gelten hier nicht mehr. Die relevante Kennzahl ist nicht, was das Projekt gekostet hat, sondern was eine einzelne Änderung kostet — und wie lange sie von der Idee bis zur lauffähigen Umsetzung braucht. Bei mir: meist ein Abend, Grenzkosten nahe null.
Der Ehrlichkeit halber gehört die Kehrseite dazu. Kein fester Scope heißt auch: Nichts hört von selbst auf. Scope Creep hat keine natürliche Bremse, die Wartungslast wächst mit jedem Modul, und der Bus-Faktor dieses Projekts ist exakt eins. Die alte Projektrechnung hat genau diese Kosten sichtbar gemacht — die neue versteckt sie. Wer das nicht einpreist, baut sich schnell und günstig ein Problem.
Und noch eine Grenze: Ich habe über 25 Jahre IT im Rücken. Die Werkzeuge senken die Umsetzungskosten dramatisch — nicht die Anforderung an das Urteilsvermögen. Wer nicht beurteilen kann, ob das generierte Belastungsmodell physiologisch Unsinn ist, baut sich schnell und günstig etwas Falsches.
Deshalb hole ich mir das Urteilsvermögen dazu, das ich selbst nicht habe: Über IDUN reflektiere ich regelmäßig mit einem befreundeten Arzt, der auch Laborwerte als Kontext beisteuert, und meine Kardiologin schaut mit auf das, was der Coach aus den Daten macht. IDUN ersetzt keine Medizin — es macht meine Arztgespräche besser, weil ich mit 90-Tage-Trends und Zusammenhängen komme statt mit Momentaufnahmen und Bauchgefühl. Bei Software bin ich die letzte Instanz. Bei Gesundheit bleiben es die Profis.
Warum der Code (noch) nicht öffentlich ist
Die naheliegende Frage: Wo ist das Repo?
Noch privat — und der Grund ist selbst eine Lektion. Open Source ist kein Klick auf „public”. Gerade weil diese App radikal persönlich ist, steckt mein Leben im Code: Trainingsdaten, Profilwerte, Konfigurationen. Bevor das Repo öffentlich wird, sind echte Entscheidungen zu treffen — welche Lizenz, welche Daten werden neutralisiert, was sagt die komplette Commit-Historie. Wir haben die Architektur von Anfang an so gebaut, dass die persönlichen Daten an einer einzigen Stelle liegen und sich sauber herauslösen lassen. Trotzdem: Einmal veröffentlicht ist unumkehrbar, also passiert dieser Schritt mit Bedacht, nicht mit Enthusiasmus.
Was ich jetzt schon sagen kann: IDUN steht nicht zum Verkauf, und es wird kein Produkt. Keine Monetarisierung, keine Nutzerbasis, kein Pitch Deck. Dadurch entfällt der komplette Rattenschwanz, der Software teuer macht — Produkt-Markt-Fit, Support, Datenschutzerklärungen für Dritte, Skalierung. Das ist keine verpasste Chance. Das ist das Feature.
Der größere Umbruch
Wer meine RAMmageddon-Serie verfolgt, kennt die eine Seite dieser Entwicklung: Die Infrastruktur wird teurer und konzentriert sich — Speicherpreise explodieren, der Großteil der Chips geht an eine Handvoll Hyperscaler. Die Hardware-Welt konsolidiert nach oben.
IDUN ist für mich der Beleg für die Gegenbewegung auf der anderen Seite des Stacks: Die Software-Erschaffung individualisiert nach unten. Während Rechenleistung zum knappen Konzerngut wird, fällt gleichzeitig die Schwelle, sich auf dieser Rechenleistung etwas radikal Eigenes zu bauen — mit eigenen Ideen und, wenn man es richtig anstellt, mit eigenen Daten, die das eigene Gerät nie verlassen.
Im Küchentisch-Moment habe ich beschrieben, wie Preistransparenz bei Hardware in den Alltag der Menschen ankommt. Das hier ist dieselbe Bewegung, eine Ebene höher: Nicht mehr nur die Sichtbarkeit wird konsumerisiert, sondern das Erschaffen selbst. Software für eine Zielgruppe von einer Person ist ökonomisch möglich geworden.
Die interessanteste Software der nächsten Jahre wird nicht in den App Stores stehen. Sie läuft auf einzelnen Geräten, gebaut von Einzelnen, für Zielgruppen der Größe eins.
Meine hat einen Namen aus der nordischen Mythologie, zählt meine Wiederholungen und kostet mich weniger als die Abos, die sie nach und nach ablöst.
Wie sieht es bei euch aus — gibt es das eine Tool, das ihr euch bauen würdet, wenn der Aufwand keine Rolle mehr spielt? Ich bin gespannt, denn genau diese Frage ist keine hypothetische mehr.
Jens Klasen ist Tech Evangelist bei CID GmbH und schreibt im Future Proof Tech Briefing über den Umbruch in der Enterprise-IT. Alle bisherigen Teile findet ihr in meinem Newsletter und auf klasen.ai.